Die Tücken der Jugendarbeitslosigkeit

Monika Bütler

Wer kennt sie nicht, die alarmierenden Zahlen – vor allem aus den südlichen Ländern: Über 50% Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland, 30-40% in den anderen PIIGS Ländern Portugal, Italien und Irland. Doch was heisst das genau? Sechs namhafte Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen (Giuseppe Bertola, John Driffill, Harold James, Hans-Werner Sinn, Jan-Egbert Sturm und Akos Valentinyi). Ihre spannenden Resultate finden sich im EEAG Report on the European Economy (chapter 3: auch online erhältlich).

50% Jugendarbeitslosigkeit heisst eben gerade nicht, dass jeder zweite Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos ist. Die Arbeitslosigkeit wird nämlich gemessen als Anteil der Erwerbslosen an der Erwerbsbevölkerung in einer Altersklasse. Zwischen 15 und 24 Jahren befinden sich die meisten jungen Menschen noch in der Schule, im Studium oder sonst in einer Ausbildung, sie gehören somit nicht zur Erwerbsbevölkerung. Die klassisch gemessene Arbeitslosenquote überschätzt das Problem, da nur eine Minderheit der Jugendlichen (und meist erst noch diejenigen mit schlechter Ausbildung) überhaupt zur Erwerbsbevölkerung gehört.  

Ein einfaches Zahlenbeispiel illustriert dies schön: Nehmen wir an, dass sich zwei Drittel der 15-24 jährigen in Ausbildung befinden (dies entspricht ungefähr den realen Verhältnissen). Somit gehört höchstens ein Drittel der Jungen überhaupt zur Erwerbsbevölkerung. Ist nun die Hälfte von ihnen ohne Arbeit, so beträgt die statistisch gemessene Arbeitslosigkeit 50%. Dies obwohl „nur“ ein Sechstel der Jugendlichen insgesamt betroffen ist.

Setzt man die Anzahl der jungen Arbeitslosen in Relation zur Gesamtbevölkerung im gleichen Alter (es dürften ja fast alle prinzipiell erwerbsfähig sein), so erhält man für alle Länder deutlich tiefere Zahlen. Zwar ist immer noch jeder fünfte junge Spanier und jeder sechste Grieche arbeitslos, aber der Unterschied zu „mehr als die Hälfte“ ist offensichtlich gross. Bei den Italienern ist jeder 10 Jugendliche ohne Arbeit oder Ausbildung, bei den Deutschen nur einer in 25.

Etwas anderes fällt bei der Lektüre des Reports auf. Die europäischen Länder haben die (vermeintlichen) Boom-Jahre vor der Finanzkrise nicht genutzt, um das Problem der Jugendarbeitslosigkeit anzugehen. Auch in „guten“ Zeiten lag die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und Italien bei rund 25%, in Spanien und Portugal bei rund 20%.

Fazit: Die traditionell gemessenen Arbeitslosenquoten lassen das Problem Jugendarbeitslosigkeit viel schlimmer aussehen als es wirklich ist. Das heisst nicht, dass die betroffenen Länder nicht etwas unternehmen sollten – im Gegenteil. Auch 20% Jugendliche ohne Arbeit sind viel zu viele. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit schon vor der Krise zeigt, dass das Probleme wahrscheinlich in den völlig verkrusteten Arbeitsmärkten liegt. Am Elend der Jungen der in den südeuropäischen Staaten sind nicht primär die Finanzkrise und schon gar nicht die geizigen Nordeuropäer „schuld“

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7 Gedanken zu “Die Tücken der Jugendarbeitslosigkeit

  1. Dürfen diese Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit als bare Münzen genommen werden, oder aber (inwieweit) wiederspiegeln sie ungemeldete ad hoc Liberalisierungen der Arbeitsmärkte?

  2. Bin nicht sicher, was Sie mit ungemeldeter ad hoc Liberalisierung meinen.Statistiken müssen immer vorsichtig interpretiert werden. das grösste Problem ist die Messung der Erwerbsbevölkerung. Einerseits sind Schwarzarbeiter nicht erfasst (die in Spanien und Griechenland traditionell eine grosse Rolle spielen). Die gemessene Arbeitslosigkeit ist somit tendentiell zu hoch. Anderereseits spielt das Schul- und Ausbildungssystem eine grosse Rolle. Würde der Staat alle Jungen in eine Ausbildung zwingen, löste sich das Problem Jugendarbeitslosigkeit statistisch von alleine. Die Niederlande, zum Beispiel, kennt einen Schul/Ausbildungszwang bis 18 Jahre.

  3. Genau die Schwarzarbeit meinte ich. Ad hoc ist lateinisch, und bedeutet soviel wie improvisiert, wird aber eher selten im deutschen Sprachraum gebraucht.

    “Improvisierte Liberalisierungen” gibt das Rechtsempfinden von weniger formellen Gesellschaften viel besser wieder als das belastete Wort “Schwarzarbeit.” Gleichzeitig ist es ein Hinweis, dass wenn der hohen offiziellen Arbeitslosigkeit Liberalisierungen zu Grunde liegen, die Nutzen weiterer Liberalisierungen eher fraglich sein dürfte.

  4. Schwarzarbeit eine ‘improvisierte Liberalisierung’ des Arbeitsmarktes zu nennen, erscheint durchaus sinnvoll. Der Schwarzmarkt für Arbeit ist schliesslich der liberalste Arbeitsmarkt überhaupt.
    Allerdings verstehe ich Ihr zweites Argument nicht. Wenn der hohen offiziellen Arbeitslosigkeit ‘Schwarzarbeit’ zugrunde liegt so unterstützt dies doch die Theorie der ‘verkrusteten’ Arbeitsmärkte, folglich wären liberale Arbeitsmarktreformen nötig.

  5. Das dargestellte Missverständnis, wonach die Jugendarbeitslosigkeit auf der Basis aller Jugendlichen berechnet wird, führt auch zu einer falschen Einschätzung der Unterschiede zwischen Deutschschweiz und Romandie: Der geringere Jugendarbeitslosigkeit in der Deutschschweiz wird oft als Zeichen für die Überlegenheit des dualen Systems betrachtet. Dies dürfte in einem gewissen Masse zutreffen. Wie ich aber bereits in einem Post im Sommer 2012 aufgezeigt habe (vgl. http://dossiers.bbprojekte.ch/archives/1800) wird der Unterschied überschätzt, weil Mittelschüler/innen nicht mitgezählt werden und diese in der Westschweiz einen höheren Anteil ausmachen.
    Nebenbei: wenn die Lehrlinge von der Schweizer Statistik als Schüler und nicht als Erwerbspersonen gezählt würden, hätten wir in in der Deutschschweiz höchstens noch etwa 5% jugendliche Erwerbspersonen, und damit eine astronomisch hohe Jugendarbeitslosigkeit. Und die Moral von der G’schicht: Vorsicht mit Statistiken!!!

  6. Beginnen Jugendliche aber eine neue Ausbildung, da sie keine Arbeit gefunden haben, verfälscht das auch die Aussagekraft der Statistik…

  7. @Michael: Es gibt Liberalisierungen die ich durchaus für sinnvoll halte, wie etwa die Abschaffung von grotesken Kündigungschutzregelungen, das in diie Schrankenweisen von übereifrigen und schädlichen Gewerkschaften uä.

    Allerdings werden aber oft, sobald Politiker dank einer Krise Mehrheiten für Massnahmen haben, auch Massnahmen durchgeboxt, die Kosten nur verlagern, oder kurzfristig senken und längerfristig erhöhen. Ich denke dabei an Lockerungen bei der Regelung von Nachtarbeit, die Lockerungen der Vorschriften bezüglich Unfallschutz am Arbeitsplatz usw. Besonders in weniger demokratischen Ländern scheint es keinen Mittelweg zu geben; entweder werden die Gesetze ganz im Sinne der (schon angestellten) Arbeitnehmer, oder aber mit wenig Bedacht auf sie geschmiedet.

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