Formel E

Urs Birchler

“Julius Bär geht die Dinge langfristig an.” Dies steht auf der Homepage der Bank unter dem Stichwort “Visionäres Denken”. Sie verwendet dazu einen “Next-Generation-Ansatz” [Generation trotz langfristiger Vision im Singular]. “Mit ihrem Next-Generation-Anlageansatz erforscht die Bank wichtige Trends für die Zukunft der Menschheit, die zu nachhaltigen und sozial verantwortlichen Anlagelösungen führen.”

Konkret: Die Bank unterstützt massgeblich die FIA Formula E Championship, eine Rennserie mit Elektroautos in zehn Städten der Welt. Ist das wirklich visionär?

Zugegeben: Auch unsere Umweltministerin fährt dem Vernehmen nach eine Stromkutsche. Die Devise “Strom ist gut” hat also den obrigkeitlichen Segen (was sie noch nicht automatisch visionär macht). Dennoch ist auch Strom Energie. Und woher der Formel-E-Strom (Betrieb und Herstellung der Boliden) kommt, sagt uns die weitblickende Bank nicht (Strom aus Kohle bedeutet einfach, dass der Auspuff zentralisiert wird, und Atomstrom ist auch nicht das Nachhaltigste).

Zugegeben: Die UBS mit ihrer Unterstützung der Formel 1 ist noch schlechter beraten; sie riskiert, wenn irgendeinmal alle laufenden Klagen abgeschlossen sind, als globaler ökologischer Dorftrottel dazustehen. Julius Baer ist also der UBS ein paar Runden voraus, aber der Gesellschaft vielleicht  ebensoweit hinterher. Es könnte ja sein, dass die Zukunft (die gemäss Julius Baer in den Städten liegt) nicht von individualisierten strombetriebenen Vehikeln getragen wird.

Zugegeben: Ich brauche mich als Zürcher nicht aufzuregen. In Zürich, wo Julius Baer gerne ein Rennen abhalten möchte (wir sind ja eines der weltweiten Vermögensverwaltungszentren), sind die politisch-aministrativen Kurven wohl zu eng für die Money-Love-Mobiles der Formel E. Amüsant immerhin: Der Flughafen Dübendorf, wo Politik und Finanzindustrie einen Fin-Tech-Innovationspark bauen möchten, ist laut Marketing-Spezialisten von Julius Baer für die Formel E nicht gut genug (siehe Tagi von heute).

Von wegen “Next Generation”: Ihr wäre vielleicht besser gedient mit Formel S wie Sparsäuli.

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Das Geld: Europas Schicksal?

Urs Birchler

Bei Frühjahrs-Aufräumen meines Arbeitszimmers (endlich!) kam neben manch anderem eine Postkarte von De Nederlandsche Bank mit einem historischen Zitat zum vorschein:

L’Europe se fera par la monnaie ou ne se fera pas.

Es stammt vom französischen Ökonomen und Finanzexperten Jacques Rueff (1896-1978), einem Berater von General De Gaulle und datiert von 1949. Rueff, ein Liberaler mit Hang zum Goldstandard, beeinflusste Frankreichs kritische Haltung zum Bretton-Woods-System und der auf ihm beruhenden amerikanischen Defizitwirtschaft stark (nachzulesen hier). De Gaulle erklärte dem Dollarstandard 1965 den Krieg und rettete Frankreich viel Gold anstelle von (später stark abgewerteten) Dollars.

Rueff traute dem politischen Einfluss auf das Geld in keiner Weise. (Dank Rueff heisst die “Währung” des IWF “Sonderziehungsrechte” und nicht “Currency Reserve Unit”, da er eben keine Währung in der Hand des IWF wollte.) Mit dem Zitat meinte Rueff, dass Europa nur auf einem gesunden (d.h. dem politischen Einfluss entzogenen) monetären Fundament gedeihen könne. Die Idee, “Europa” mit Hilfe des EURO zu erzwingen, wäre eine Pervertierung des Zitats. Leider eine, die sich bei den Euro-Politikern durchgesetzt hat. Ihnen würde Rueff wohl eher sagen: “L’Europe se défera par la monnaie.”

Geld oder Welt?

Urs Birchler

Heute habe ich an einer Primarschule über Geld referiert. Das macht Spass, weil kaum ein anderes Thema die Kinder mehr fasziniert. In der Diskussion fragt ein Mädchen: “Mit wieviel Geld könnte man die ganze Welt kaufen?” Nach einer eher gewundenen Antwort frage ich zurück: “Und warum möchtest Du denn die Welt kaufen?” “Dann könnte ich das Geld abschaffen!”

Geldpolitik und Finanzstabilität: Forschungsprogramm

Urs Birchler

Inke Nyborg hat was Leckeres aus London mitgebracht: Eine umfassende Forschungsagenda der Bank of England zu den Themen Geldpolitik, Makro-Finanzstabilität und Mikro-Finanzstabilität. Die Bank of England weist in der Einleitung stolz darauf hin, dass sie als eine der wenigen Notenbanken der Welt für alle drei Bereiche zuständig sei [Anm.: seit ihr nach der Finanzkrise die Bankenaufsicht wieder unterstellt wurde].

Die One Bank Research Agenda gibt nicht nur dem am Finanzsystem interessierten Leser einen einmaligen und ehrlichen Überblick über die offenen Fragen (und über die Gewichtungen seitens der BoE). Er ist auch eine Goldgrube für Studenten (und Dozenten, hmm), die ein Thema für eine Abschlussarbeit suchen.

Hier noch die Liste der fünf Kernthemen:

  1. Zentrabankpolitik angesichts der Wechselwirkungen zwischen
    Geldpolitik, makroprudentieller und mikroprudentieller Politik;
  2. Beurteilung von Regulierung und Abwicklung im Lichte der Finanzkrise und der sich verändernden Rolle der Finanzintermediation;
  3. Umsetzung der Zentralbankpolitik und Erfolgskontrolle;
  4. Verwendung neuer Daten, Methodologien und Ansätze zum Verständnis von Makroökonomie und Finanzrisiken;
  5. Zentralbankpolitik angesichts grundlegender Umwälzungen in Technologie, Institutionen, Gesellschaft und Umwelt.

Und als Student hatte ich seinerzeit Angst, die Dissertations-Themen könnten uns ausgehen…

Deutschland-Griechenland 1:0

Urs Birchler

Die heutige Unterhaltung zwischen dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis und seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble liest sich wie ein Dialog in Geheimsprache. Ihn zu entziffern hilft der Satz “We cannot agree to disagree” vom Spieltheoretiker und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Aumann. Aumann meinte damit, dass zwei rationale Gesprächspartner, die einander ernst nehmen, letztlichzu einer Übereinstimmung in Sachfragen kommen müssten. (Anders verhält es sich natürlich in Geschmacksfragen, in denen keine Annäherung stattfinden muss).

Wolfgang Schäuble wird zitiert mit: “We agree that we disagree”. Übersetzt: “Einer von uns ist irrational”, oder: “Wir haben jetzt lange genug argumentiert; vergiss es einfach.” Gegenüber dem Spieltheoretiker Varoufakis eine klare Beleidigung, aber natürlich höchst strategisch. Es sind zwei Varianten möglich: Schäuble will Varoufakis zu verstehen geben, er (Varoufakis) sei irrational. Oder Schäuble will sagen: “Ich selber bin irrational”, was ein spieltheoretischer Vorteil sein kann, weil es die Erpressbarkeit beseitigt.

Yanis Varoufakis soll geantwortet haben: “No, Mr. Schäuble, we do not agree that we disagree.” Übersetzt: “Du hast mir noch nicht mal zugehört”, oder “werd’ jetzt bitte mal ernsthaft, wir haben einander (ich Dir) noch viel zu sagen.” Dies klingt eher wie ein verzweifelter Hilferuf an eine weitere Öffentlichkeit: Wer hilft mir, diesen Starrkopf zum Zuhören zu bringen.

Die heutige Runde im Schuldenpoker geht daher wohl eher an Deutschland. Spätestens im Final um die Rettung der griechischen Bankenn werden die beiden aber wieder aufeinandertreffen.

Der Frauenfilter im Banking

Urs Birchler

Im Januar führten wir (Institut für Banking und Finance, UZH) zusammen mit der UBS das bereits traditionelle Banking Simulation Game durch. (Danke an die UBS, insbesondere an Christoph Rüttimann, Claudio Frei und Urs Bürli für Organisation, Mitarbeit, Infrastruktur einschliesslich Simulationsprogramm und Gastfreundschaft!).

Dabei fiel mir auf, dass in keiner der konkurrierenden “Banken” (=Vierergruppen) eine Frau als CEO gewählt wurde. Zufall?

Hier die Statistik der beiden Durchführungen (Gruppen wurden alphabetisch nach Nachnamen gebildet, d.h. geschlechtsmässig zufällig):

  1. 7 Gruppen (à 4 Mitglieder); insgesamt 5 Frauen, davon 2 in derselben Gruppe, die anderen je einzeln in einer Gruppe.
  2. 7 Gruppen mit je genau einer Frau.

Die Wahrscheinlichkeit, dass bei rein zufälliger Wahl des CEO keine Frau zum Zuge kommt beträgt in Durchführung 1 rund 21% (0.5 x 0.75^3), in Durchführung 2 rund 13% (0.75^7). Die kombinierte Wahrscheinlichkeit, dass in keinem der beiden Durchgänge eine Frau CEO wird, beträgt somit magere 2.8 Prozent.

Leider sagt die Statistik nichts darüber aus, ob die Frauen nicht durften oder nicht wollten. Oder ob sie glaubten, sie dürfen nicht, oder ob die Männer glaubten, die Frauen wollten nicht… Dies liegt irgendwo in den Finesssen der menschlichen Kommunikation versteckt.

Die Reform der Altersvorsorge als Schuldenbremse

Monika Bütler

(publiziert in der NZZ vom 21. Januar 2015)

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB warnte kürzlich vor einer Schuldenbremse in der AHV. Genauer gesagt: vor dem in der Reform Altersvorsorge 2020 als Ventil vorgesehenen zweistufigen Interventionsmechanismus. Dieser klinkt ein, falls der Stand des AHV-Ausgleichsfonds unter 70 Prozent der jährlichen AHV-Ausgaben sinkt. Schafft es der Bundesrat in einer ersten Stufe nicht, geeignete Anpassungen zu treffen, treten in einer zweiten Stufe vordefinierte Massnahmen automatisch in Kraft: eine Erhöhung der AHV-Lohnbeiträge und eine Einschränkung der an Löhnen und Preisen indexierten Rentenerhöhung.

Die Angst des SGB ist verständlich. Immerhin führte die Abkoppelung der Renten von der Entwicklung der Preise und Löhne in Grossbritannien zu einer erheblichen Altersarmut. Überraschender ist die Popularität des Interventionsmechanismus bei den bürgerlichen Parteien. Denn ausreichend wirksam in der relativ kurzen Frist weniger Jahre, in der eine Schuldenbremse greifen muss, sind nur Steuer- oder Beitragserhöhungen. Einsparungen aufgrund eines höheren Rentenalters kämen viel zu langsam; sofortige Rentenkürzungen wiederum sind nicht nur politisch unrealistisch, sondern verstossen gegen Treu und Glauben der Rentner.

Die Schuldenbremse in der AHV ist wohl wegen des Erfolgs der Schuldenbremse bei der Staatsverschuldung so populär. Doch der Interventionsmechanismus einer klassischen Schuldenbremse lässt sich nicht übertragen auf die Altersvorsorge. In der AHV ist es kaum möglich, Kosten zu reduzieren oder Investitionen auf bessere Zeiten zu verschieben. Im Gegensatz zur normalen Schuldenbremse geht es heute bei der Alterssicherung nicht in erster Linie um den mittelfristigen Ausgleich über einen Konjunkturzyklus, sondern um die Korrektur eines langfristigen demographischen Trends, der die Verschuldung nur in eine Richtung zieht: nach oben.

Interessant: In der Reform Altersvorsorge 2020 selber sind weder eine Aussetzung der Indexierung der Renten an Löhne und Preise, noch höhere Lohnbeiträge zentrale Bestandteile. Mit guten Gründen. In einer Rezession, in der eine automatische Schuldenbremse aus offensichtlichen Gründen wahrscheinlicher greift als während einer Hochkonjunktur, schaden die Massnahmen mehr, als sie nützen. Das Lohnwachstum ist ohnehin gering, und eine höhere direkte Belastung der Löhne verstärkt eine Wirtschaftskrise noch.

Das Grundproblem einer Schuldenbremse in der Altersvorsorge liegt allerdings noch tiefer. Der Interventionsmechanismus ist eine verteilungspolitisch fragwürdige und volkswirtschaftlich teure Antwort auf das Fehlen von Automatismen. Bei aller Uneinigkeit über deren Gewichtung und Ausmass: Die in der Reform 2020 vorgesehenen Massnahmen sind volkswirtschaftlich vertretbar: Eine (allerdings homöopathische) Erhöhung des Rentenalters, die Anpassung des Umwandlungssatzes und eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer. Nicht sinnvoll ist hingegen die Fixierung auf feste Zahlen und Zeitpunkte. Denn die Dauer des Rentenbezugs und die finanzierbare Höhe der Rente aus der kapitalgedeckten Vorsorge werden letztlich nicht durch die Politik bestimmt, sondern durch demographische Variablen, wie Lebenserwartung und Bevölkerungsentwicklung einerseits, und wirtschaftliche Grössen, wie Zinsniveau und technischer Fortschritt andererseits. Fixe Anpassungen können in beide Richtungen falsch sein; so ist ein Umwandlungssatz von 6% heute zu hoch, aber zu tief, wenn Inflation und Zinsen wieder einmal auf vergangene Niveaus ansteigen.

Wie alle Fahrzeuglenker wissen: Der richtige Bremszeitpunkt ist, wenn das Hindernis auf der Strasse bemerkt wird. Bei der Alterssicherung der Schweiz ist der richtige Zeitpunkt heute, 2015. Die künftigen Rentner bis 2080 sind nämlich alle bereits geboren. Die oft angeprangerten falschen AHV-Prognosen in der Vergangenheit waren im wesentlichen Fehler im Timing und nicht im Eintreffen der Probleme. Bundesrat Berset hat dies richtig erkannt. Versäumt hat er in der ersten Version seiner Reform, Automatismen einzubauen, welche die nicht politisch bestimmbaren Parameter an deren Bestimmungsfaktoren knüpfen: Eine Anpassung der flexiblen Spanne des Rentenalters an die Lebenserwartung, des Umwandlungssatzes an Zinsumfeld und demographische Parameter.

Es ist durchaus verständlich, dass solche reinen Automatismen Bürgern und Politikern nicht geheuer sind. So sind beim Umwandlungssatz Schwankungen (während einer Finanzkrise beispielsweise) nicht auszuschliessen, die einzelne Rentnergenerationen benachteiligen. Eine vernünftige Alternative zum blinden Autopiloten wäre deshalb ein gesteuerter Automatismus: eine Delegation an eine Kommission, die anhand des Kompass beobachtbarer Variablen eine notwendige Anpassung über die Zeit glätten kann (wie es beispielsweise bei der Mindestverzinsung faktisch bereits der Fall ist).

Wünschenswert wäre zudem, wenn die Eckpfeiler der Rentenreform periodisch, aber zeitlich zwingend vorbestimmt, überprüft werden müssten. So könnten das Feilschen um den richtigen Zeitpunkt und das Aufschieben des politischen Dialogs, wie wir dies in der AHV in den letzten 20 Jahren beobachten mussten, vermieden werden.

Vernünftige Automatismen verstetigen die notwendigen Reformen und verbessern so die Planbarkeit für künftige Rentner. Dauernde Bremsbereitschaft erlaubt eine sanfte Anpassung; diese ist gerechter und effizienter als eine von einer akuten Finanzierungskrise diktierte Vollbremsung im dümmsten Zeitpunkt. Die Reform der Altersvorsorge braucht keine Schuldenbremse. Sie muss selber eine Schuldenbremse sein.

Endspiel Griechenland: Achtung Profis am Tisch!

Urs Birchler

In der neuen griechische Regierung sitzen mehrere Minister, die als Beruf “Ökonom” und/oder “Mathematiker” angeben könnten. Allen voran der neue Finanzminister Yanis Varoufakis. Varoufakis Spezialgebiet ist Spieltheorie (die Theorie strategischen Verhaltens); er hat u.a. zwei Lehrbücher dazu mitverfasst (siehe unten).

Dies verheisst den Gegenparteien wie EU, EZB oder IMF im Verhandlungspoker kein leichtes Spiel. Aber es erlaubt eine Vermutung, wie es kommen könnte, wenn alle Seiten rational spielen. Varoufakis hat seine Sicht bereits in einem Aufsatz vom Februar 2012 offengelegt: “Greek default does NOT equal Greek exit”. Er skizziert darin einen “dritten Weg” zwischen Austerität Austritt aus der Euro-Zone. Im Klartext: “Greece must default within the eurozone!”

Strategisch geht das dann so: Griechenland ist nahe an einem Primärüberschuss. Die alten Schulden sind aber zu hoch. Diese sind zu kürzen (was in der Zwischenzeit auch bereits geschah). Das einzige Problem, das dann verbleibt, sind die griechischen Banken; sie sind weiterhin auf Unterstützung durch die EZB angewiesen. Es liegt aber gar nicht im Interesse der EU und der EZB, die griechischen Banken fallen zu lassen: “the ECB will not knowingly take steps which will destroy the eurozone”. Im Gegenteil: “Europe’s optimal strategy is to let Greece default, to allow the Greek government to find ways to live within its tax take for the next year or so and, at the same time, work out the Overall Solution to the euro crisis that was promised last year and never delivered.”

Der GREFAULT ist also das Resultat, wenn sowohl Griechenland als auch die EU je ihrer optimalen Strategie folgen. Das nennt man ein Nash-Gleichgewicht, und es liegt nahe, dieses als Prognose des Kommmenden zu verwenden.

Die EZB hat sich bereits selbst zu fesseln versucht mit dem Hinweis darauf, dass ihr ein Schuldenerlass gesetzlich untersagt sei. Der IMF seinerseits wird auf dem Vorrang seiner Guthaben bestehen. Verschiedene Politiker aus der EU haben einen Austritt Griechenlands als verkraftbar bezeichnet. Was aber, wenn Varoufakis’ Poker aufgeht, und die EU (wie schon 2012) einen GREXIT letztlich eben doch nicht will, bzw. ihn sich nicht leisten kann?

Dann bleibt — spieltheoretisch — wohl nur ein dritter Weg innerhalb des dritten Wegs: Ein versteckter GREFAULT, bei dem die griechischen Schulden so umgemischelt werden, dass Griechenland lange nichts zahlen muss, aber die Gläubiger im Moment keine Abschreiber verbuchen müssen.

Studenten und Studentinnen sind herzlich eingeladen, den genauen Spielbaum zu zeichnen und Fehler in meiner Argumentation zu melden!

Yanis Varoufakis zur Spieltheorie:

  1. Rational Conflict, Oxford: Blackwell, 1991.
  2. Game Theory: A Critical Introduction (mit Shaun P. Hargreaves Heap), London, Routledge, 1995.
  3. Game Theory: A Critical Text (with Shaun Hargreaves-Heap), London and New York: Routledge, 2004.

Als die SNB den Dollar fallen liess

Urs Birchler

Am 23. Jan. 1973 beschloss die Nationalbank, den Kurs zum Dollar nicht mehr zu verteidigen (siehe den vorangegangenen Beitrag). Dazu hier noch eine die Grafik, die zeigt, wie sich diese Entscheidung auf den Wechselkurs auswirkte: Der Dollar verbilligte sich innert eines halben Jahres um maximal 25 Prozent, bevor er sich vorübergehend stabilisierte. Heute gilt er 88 Rappen.

Dollar1973

Untergrenze: Ist diesmal alles anders?

Urs Birchler

Vor lauter Aufregung über die Aufgabe der Untergrenze zum Euro durch die Nationalbank vor einer Woche ging vergessen, dass genau heute vor 42 Jahren eine andere Untergrenze fiel: Am 23. Januar 1973 stellte die Nationalbank die Stützungskäufe von US-Dollars ein. Zeit für eine Schweigeminute für das Fixkurs-System von Bretton-Woods, die Währungsordnung der Nachkriegszeit.

In einer Minute gehen Fragen durch den Kopf. Wie war es eigentlich damals? Wieviel Geld hatte die Nationalbank als Folge der Devisenkäufe schaffen müssen, bis sie aus der Wechselkursbindung ausstieg?

Die nachfolgende Grafik vergleicht die Entwicklung vor dem Ausstieg aus der Euro-Untergrenze und mit jener vor der Aufgabe der Dollarkäufe. Abgebildet ist die Entwicklung der Notenbankgeldmenge (M0), der Basis des Geldsystems, in den jeweils letzten 10 Jahren vor dem Ausstieg.

Die Grafik zeigt zwei unterschiedliche Grössenordnungen: 1973 stoppte die Nationalbank die Deviseninterventionen, nachdem die Notenbankgeldmenge auf rund 250% ihres normalen Betrags gestiegen war. Vergangene Woche bei Aufgabe der Kursgrenze lag die Notenankgeldmeng bei 900% ihres Vorkrisenniveaus.

Kursuntergrenze

Der Anstieg der Notenbankgeldmenge bis 1973 mag im nachhinein bescheiden wirken. Dennoch stiess die Inflationsrate in den folgenden Jahen in den zweistelligen Bereich vor, und ihre Bekämpfung erforderte eine schmerzhafte Rezession. Der Anstieg der Notenbankgeldmenge bis Anfang 2015 ist um ein Vielfaches stärker. Von Inflation jedoch fehlt bisher jede Spur. Aber vielleicht ist ja diesmal alles anders.