Monika BĂĽtler

Die Fondation Latsis Internationale, Genf, hat Dr. Christian Thöni „für seine Forschungstätigkeit und seine Fachpublikationen“ den diesjährigen Latsis-Preis verliehen. Christian Thöni ist Assistenzprofessor an der Universität St. Gallen (HSG).

Christian’s Forschungsschwerpunkt ist die empirische Erforschung sozialer Präferenzen in sozialen Dilemma-Situationen sowie im Marktgeschehen mit Hilfe von Labor- und Feldexperimenten. Des weiteren beschäftigt sich der Latsis-Preisträger 2010 mit der experimentellen Validierung von Befragungen, welche das Vertrauen, die Fairness und Hilfsbereitschaft der Mitmenschen untersuchen. Ein dritter Teil seiner Forschungsarbeiten betrachtet das Wahlverhalten im Wettbewerbsumfeld und unter unsicheren Bedingungen.

Die offizielle PreisĂĽbergabe (25′000 Franken) und Zeremonie findet am 30. September in Genf statt.

Wir gratulieren!

Urs Birchler

Eugene Fama, MitbegrĂĽnder der modernen Finanzmarktwissenschaft und geistiger Vater der “Efficient Market Hypothesis” bleibt einer der ĂĽberzeugtesten Vertreter der Marktwirtschaft und der Finanzmärkte als Nervenzentrum der Wirtschaft. Umso bemerkenswerter seine AusfĂĽhrungen zum Problem der unfreiwilligen Staatshaftung fĂĽr Banken (Too Big to Fail) in einem Fernsehinterview mit CNBC.

Fama stellt mit aller Prägnanz fest, dass TBTF eine Lizenz zum Eingehen von Risiken auf Kosten der Allgemeinheit darstellt. “Das ist nicht Kapitalismus”. Mit anderen Worten: Die Standard-Argumentation der Banken, Massnahmen zur Eindämmung der Staatshaftung seien Eingriffe in den Markt, ist Unsinn.

Fama hält allerdings wenig von komplizierten Regelwerken nach Art der Obama-Reform oder der EU-Regulierungs-Offensive. Sein Rezept: Mehr Eigenmittel, und zwar dramatisch mehr: nicht eine Anhebung von drei auf fünf Prozent, sondern auf 40 oder 50 Prozent!

Und wie gesagt: Fama ist nicht ein unbelehrbarer Anti-Kapitalist, sondern ein intellektueller Kapitän, der wohl mit dem Schiff der Martwirtschaft unterginge, wenn es sein müsste. (Anders als prominente schweizerische TBTF-Kritiker, die das Schiff bereits verlassen haben.)

Wer mehr wissen möchte, findet weitere Beiträge im Blog The Baseline Scenario.

Monika Bütler und Gebhard Kirchgässner

Am  diesjährigen  Dies  Academicus  hat  die  Universität  St.  Gallen  die EhrendoktorwĂĽrde  an  Prof. Lans Bovenberg (Tilburg University, Niederland) verliehen.  Und dies nicht weil auch die HSG “bovenberg” ist – auf dem Berg oben.  Nein,  Lans  Bovenberg ist einer der weltweit fĂĽhrenden Forscher im Bereich der Public Economics.

 Lans  Bovenberg  hat  vor  allem  zu  zwei  Gebieten  wesentliche  Beiträge geleistet hat: zur Finanzwissenschaft und zur Umweltökonomik. Seit Ende der neunziger  Jahre  hat  er  sich  verstärkt Problemen der Sozialversicherung sowie insbesondere der Altersvorsorge zugewandt. Im Jahre 2003 erhielt Lans Bovenberg  den mit 2.5 Millionen dotierten Spinoza-Preis, den angesehensten niederländische Wissenschaftspreis. Mit diesem Betrag finanzierte sich Lans Bovenberg   nicht  etwa  eine  Weltreise,  sondern  grĂĽndete  Netspar,  ein unabhängiges  Netzwerk  fĂĽr  Forschung,  Ausbildung  und Wissenstransfer im Bereich  von  “Pensions,  Aging and Retirement”. Von diesem profitiert auch die  HSG.  So  erlaubt uns Netspar, am 10. und 11. Juni eine internationale Konferenz  zu  Fragen  der  Alterssicherung in ZĂĽrich zu organisieren (mehr dazu später im batz).

 Lans  Bovenberg  ist  kein  weltfremder Forscher, im Gegenteil. Er wirkt in ausserordentlicher  Weise  in  die  Öffentlichkeit  hinein und hilft dabei, ökonomische  Erkenntnisse  in  die wirtschaftspolitische Praxis umzusetzen. Diese  Verbindung  von  hochstehender Wissenschaft und praktischer Relevanz der ökonomischen Forschung ist vorbildlich. Wir freuen uns daher sehr über diese hochverdiente Ehrendoktorwürde.

Hartelijke gelukwensen, Lans!

Lesen Sie hier die vollständige Würdigung von Lans Bovenberg.

Urs Birchler

Alles fliesst. Auf griechisch verabschiedet sich einer der aktiven Wirtschafts-Blogger von der Szene. William Buiter schliesst seinen vielbeachteten Blog Maverecon bei Financial Times. Dort zog er als Professor der London School of Economics zum Beispiel gegen die faktische Staatsgarantie fĂĽr Grossbanken ins Feld “Too big to fail is too big”. Jetzt zieht der Maverick (gemäss leo.org: Aussenseiter, Eigenbrötler, Einzelgänger, mutterloses Kalb) als Chefökonom zu Citigroup. Citigroup (16′000 Niederlassungen mit 300′000 Angestellten in 140 Ländern) ist eine der vier amerikanischen Grossbanken, die die Finanzkrise ĂĽberlebten — dank massiver Staatshilfe im November 2008.

Citigroup ist also “too big to fail”. Damit wäre die Bank nach der Logik ihres frischgebackenen Chefökonomen schlicht zu gross. Eine der beiden Seiten muss jetzt nachgeben. Wird Buiter Citigroup zerhacken oder umgekehrt? Mal sehen, was alles fliesst.

Urs Birchler

Der Urvater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith (1723-1790), baute seine Gesellschaftsphilosophie (Theory of Moral Sentiments, 1759) noch auf das Grundgefühl der zwischenmenschlichen Sympathie. Später kamen dem homo oeconomicus die weicheren Züge abhanden. Zurück blieb eine oft fast mechanistisch (miss-)verstandenen Rationalität. Moderne Forscher wie Prof Ernst Fehr zeigten im Labor, wie wichtig Empathie, Vertrauen und Fairness bei wirtschaftlichen Entscheidungen sind. Die gleichzeitige spektakuläre Entwicklung der Neurowissenschaften erlaubt ein vertieftes Studium dieser Faktoren durch interdisziplinären Schulterschluss verschiedener Disziplinen.

Die Universität Zürich hat heute die Gründung eines Laboratory for Social and Neural Systems Research (SNS Lab) bekanntgegeben. Das Eröffnungssymposium wird am 4. Juni 2010 stattfinden. Wir werden die Aktivitäten des SNS Lab mit Sympathie verfolgen.

Urs Birchler

Aargauer Politiker fordern laut Bericht des Tages-Anzeiger ein Wahlfach “GlĂĽck” an Berufs- und Oberschulen. In diesem Fach soll die “Freude am Leben” vermittelt werden.

Bei solchen Vorschlägen suche ich stets den Rat des Experten. “GlĂĽck ist doch kein Fach, sondern ein Thema”, sagt unser Peter (8, 2. Klasse). Thema heisst in seiner Schule: Die Ă„gypter oder Dinosaurier, also etwas das einmalig angeboten wird (und Spass macht). Das trifft den Punkt. Als Dauerfach möchte er GlĂĽck nicht lernen.

Schade. Zwar wäre es leicht paradox, den Schulabschluss mit einer 3.0 in Glück zu vermasseln. Aber mindestens die Pisa-Testresultate in Glück hätten wir schon sehen wollen. Glückliche Lehrer als Nebeneffekt wären ebenfalls willkommen.

Als Ă–konom sehe ich den Vorschlag aus dem Aargau als GlĂĽcksfall. “GlĂĽck” ist nämlich das Trojanische Pferd, in dessen Bauch eine Sturmtruppe ökonomischer Gedanken und Konzepte nur darauf warten, auch die Berufs- und Oberschulen zu erobern. Und das Lehrbuch fĂĽr den GlĂĽckskurs liegt bereits vor. Nein, ich meine nicht Anleitung zum UnglĂĽcklichsein von Paul Watzlawick, sondern Happiness, A Revolution in Economics von Bruno S. Frey, glĂĽcklich emeritierter Professor der Universität ZĂĽrich, und dessen frĂĽheres Buch Happiness and Economics: How the Economy and Institutions Affect Human Well-Being mit Alois Stutzer. Auf dieser Grundlage wäre das GlĂĽck ein gutes Thema; im Gegensatz zu alten Ă„gyptern und Dinosauriern scheinen glĂĽckliche Menschen noch nicht ganz ausgestorben.

Urs Birchler

Wer hätte das gedacht: Schon am elften Lebenstag schafft es das zarte Baby ins Fernsehen. Genau aufpassen bei Zählerstand 2 Minuten 50 Sekunden im Beitrag zu 10vor10 vom 11. Januar 2010. Freude herrscht!

Monika BĂĽtler

Allen Unkenrufen zum Trotz: Es gibt sie noch; auch an “meiner” Hochschule, der UniSG. Kollegen, die sich in der angewandten Wirtschaftspolitik verdient machen, obwohl sich ein solches Engagement innerhalb der Hochschulen kaum je lohnt. Einer davon ist Stefan BĂĽhler, Förderprofessor des Schweizerischen Nationalfonds, mit Forschungsschwerpunkten Industrieökonomik, Regulierungstheorie und Wettbewerbspolitik. Auf den 1. Januar 2010 hat der Bundesrat Stefan BĂĽhler zum Vizepräsidenten der Schweizerischen Wettbewerbskommission ernannt. Er soll als Ă–konom zusätzliche Wirtschaftskompetenz in dieses Gremium bringen und seine beiden Kollegen aus der Rechtswissenschaft (Walter Stoffel, Uni Freiburg, und Vincent Martenet, Uni Lausanne) ergänzen. Stefan BĂĽhler erwartet eine wichtige, interessante aber auch anspruchsvolle Aufgabe. Es ist in der globalisierten Welt sehr viel schwieriger geworden zu beurteilen, ob und inwiefern Konzentrationen zu Wettbewerbsverzerrungen fĂĽhren und wie damit umzugehen ist.

Noch eine gute Nachricht: Stefan BĂĽhler ist Schweizer (seit Geburt). Berichte ĂĽber das Aussterben der Schweizer Professor(inn)en sind also zumindest verfrĂĽht.

Es dĂĽrfte im ĂĽbrigen weltweit einmalig sein, dass eine Hochschule gleichzeitig in zwei nationalen Wettbewerbskommissionen vertreten ist. Neben Stefan BĂĽhler in der Schweiz ist dies Simon Evenett in der Britischen Competition Commission.

Monika BĂĽtler

Im Mai 2009 erhielt ich eine Anfrage der Weltwoche zum Thema Helden der Gegenwart (wie ich in Erinnerung habe sozusagen als Gegengewicht zur damaligen(?!) Krisenstimmung).

Aus der email der Weltwoche: “Wir lassen von prominenten Schreibern je ihren Helden/ihre Heldin porträtieren. Die Fragestellung lautet: Welchen Schweizer, welche Schweizerin bewundern Sie? Warum? Was zeichnet die gewählte Person aus? Es geht ausschliesslich um Leute aus unserem Land. Die Texte sollten ein argumentierendes, begrĂĽndendes Loblied sein, eine Hymne auf den bewunderten Menschen. Länge: 1500 Zeichen.”

Die Geschichte wurde nie publiziert. Weshalb weiss ich nicht. Auch die Namen der anderen Helden habe ich daher nie erfahren. Doch zum GlĂĽck ist mein damaliges Portrait von Jean Pierre Danthine immer noch hoch-aktuell. Wir drucken es hier ab zur Gratulation an Jean-Pierre Danthine zu seinem Amtsantritt bei der SNB.

Le voilĂ :

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Urs Birchler

Die Pole-Position in diesem Wirtschaftsblog ist schnell vergeben. Für mich kommt kein anderer in Frage als Philipp Hildebrand, der neue Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank. Zugegeben, ich bin voreingenommen. Philipp Hildebrand war während gut zwei Jahren mein Chef. Deshalb darf ich ihn auch nicht loben; dies würde nach indirektem Selbstlob riechen. Zudem haben es andere gesagt: Sein Pech, kaum 100 Tage vor dem Ausbruch der Finanzkrise das für die Finanzstabilität zuständige II. Departement der SNB zu  übernehmen, war unser Glück.

Wenn er nun in der Mitte der SNB-Kommandobrücke steht braucht Philipp Hildebrand selber Glück. Er steht nämlich vor einer für die SNB neuen Herausforderung. Bisher ging es darum, die Reputation in der Geldpolitik nicht aufs Spiel zu setzen mit einem Misserfolg in der Finanzmarktstabilität. In nächster Zukunft liegt die Sache genau umgekehrt. Die SNB darf sich keinen Fehler in der Geldpolitik leisten, um ihre Reputation in der Finanzmarktstabilität nicht zu gefährden.

Philipp Hildebrand hat sich nämlich auf die Fahne geschrieben, endlich die verhängnisvolle faktische Staatsgarantie für grosse oder anderweitig systemrelevante Banken abzubauen. Ohne das gegenwärtige Prestige der SNB und ihres neuen Präsidenten in der Finanzmarkt- und Bankenstabilität gelingt dieser Kraftakt nicht. Zu gross sind die Widerstände der betroffenen Banken, die ihr Privileg verteidigen — mit Angriff direkt auf den Mann: bereits liest man “von Ehrgeiz getriebener Aktivist”, “Regulator mit missionarischem Eifer” (NZZ am Sonntag). Auch verbal haben unsere Grossbanken einiges im Giftschrank.

Drum drücke ich Philipp Hildebrand beide Daumen. Möge er das das notwendige Quentchen Glück in der Geldpolitik haben, damit seine Gegner in der Diskussion zur Bankenregulierung wenigstens Sachargumente auspacken müssen. Diese möchte ich nämlich nach über zwei Jahrzehnten bei der Nationalbank endlich auch gerne kennen.