Mensch oder Maschine?

Urs Birchler

Von Alan Turing stammt die Idee, künstliche Intelligenz liege dann vor, wenn man nicht mehr unterscheiden könne, ob Antworten in einem Gespräch von einem Menschen oder einem Computer stammten. Den “Turing-Test” auf Finanzmrkte ausgedehnt haben Jasmina Hasanhodzic, Andrew W. Lo und Emanuele Viola. In einem Online-Test sollen die Besucher herausfinden, welche von zwei Kurven tatsächlich aus einem Finanzmarkt stammt und welche der Computer zufällig erzeugt hat. Wenn man die “Efficient Market Hypothesis” glaubt, ein unmögliches Unterfangen. Die Autoren behaupten jedoch in ihrer Auswertung, die Teilnehmer hätten überdurchschnittlich häufig richtig getippt, d.h. gerochen, wo der Mensch die Hand im Spiel hatte. Ich selber habe nach dreimal “WRONG!” das Handtuch geworfen. Vielleicht habe ich doch den richtigen Job.

Adventskalender 2

René Hegglin

Als heutigen Beitrag gibt es ein interaktives Spiel, welches seit einiger Zeit als Bestandteil experimenteller Wirtschaftsforschung untersucht wird.

Aufgabe ist es, eine Zahl von 0 bis 100 zu schätzen, welche am nähesten an 2/3 vom Durchschnitt aller Schätzungen kommt. Als Beispiel: wenn der Durchschnitt aller Schätzungen 60 ist, so würde die Schätzung, die am nähesten bei 40 (=2/3*60) liegt, gewinnen.

Also: Welche ganze Zahl von 0 bis 100 liegt am nächsten bei 2/3 vom Durchschnitt aller Eingaben der Batz-Leser?

Die Lösung folgt in zwei Wochen.

Best of Economics

Die führende Fachzeitschrift American Economic Review feiert ihr 100-Jahr-Jubiläum. Sie hat deshalb Rückschau gehalten und ihre 20 besten Artikel aus diesem Zeitraum gekürt (die Jury bestand aus: Kenneth J. Arrow, B. Douglas Bernheim, Martin S. Feldstein, Daniel L. McFadden, James M. Poterba and Robert M. Solow).

Zu den 20 Arbeiten gehört auch der Aufsatz von Modigliani und Miller aus dem Jahr 1958, der zeigt, dass eine eine Unternehmung ihre Finanzierungskosten nicht einfach dadurch beeinflussen kann, dass sie an der Mischung zwischen Eigenkapital und Fremdkapital schraubt. Der Aufsatz sollte Pflichtlektüre sein für alle, die auch im Jahre 2011 noch ohne genaueren Nachweis behaupten “Kapital ist teuer”. Dieser Irrtum ist vor allem in Bankkreisen noch immer verbreitet (und löst sogar gelegentlich Umzugsphantasien aus). Ich habe im Batz schon darüber geschrieben; wer’s von seriösen Ökonomen lesen möchte, klickt hier. Aber eigentlich ist es einfach: Kapital ist nicht teuer — Risiko ist teuer.

Gier gegen Fairness

Es sieht aus, als spiele Gott gegen den Teufel. Stellen Sie sich vor: Sie dürfen mit einem unbekannten Gegenüber 100’150 Britische Pfund teilen. Einziger Haken: Beide müssen in geheimer Abstimmung wählen zwischen “Teilen” und “Stehlen”. Wenn beide teilen, wird 50:50 geteilt. Wählt einer “Stehlen”, der andere “Teilen”, geht die ganze Summe an den Stehlenden, der andere geht leer aus. Wollen beide Stehlen, gehen beide leer aus. Zur Veranschaulichung die Auszahlungmatrix.

Dieses üble Spiel existiert. In der Schlussrunde des  britisches Fernsehquiz “Golden Balls” kämpfen die beiden Gegner mit Teilen oder Stehlen um den Jackpot. Wir empfehlen dringend eine Kostprobe. Hintergrundinformationen finden sich in Wikipedia.

Raten, wer kooperiert und wer stiehlt? Die empirische Analyse ergibt kaum Unterschiede im Verhalten zwischen Mann und Frau, Stadt und Land, Schwarz und Weiss, etc. Frauen sind jung etwas kooperativer, Männer eher mit dem Alter. “Gentleman-Effekte” (Männer kooperieren mit Frauen) sind kaum feststellbar (wir schämen uns). Am traurigsten: Je höher die Beträge, desto eher wird gestohlen.

Das Spiel existiert auch im richtigen Leben. Ökonomen kennen es als Gefangenen-Dilemma. Es zeigt, dass Gier nicht unbedingt eine menschliche Schwäche ist, sondern in der strategischen Ausgangslage angelegt sein kann, in einem Spiel, in dem der Teufel von Anbeginn die besseren Karten hat als der liebe Gott.

Eigenmittel sind nicht teuer!

Mitten in die Diskussion, wieviel Eigenmittel die Schweizer Grossbanken Banken halten sollten, platzt eine Bombe: Die vier renommierten Ökonomen Anat Admati, Peter DeMarzo, Martin Hellwig und Paul Pfleiderer behaupten in einem Arbeitspapier der Stanford University schlicht: “Die Behauptung, Eigenmittel seien teurer als Fremdmittel, ist eine Legende.”  Eine hohe Fremdfinanzierung (leverage) ist nach Meinung der Autoren nicht erstrebenswert — nicht aus Sicht der Bank und schon gar nicht aus Sicht der Gesamtwirtschaft. Das Papier zieht die Konsequenzen aus den seit 1958 bekannten Modigliani-Miller-Theoremen, wonach die Finanzierungskosten nur unter bestimmten Voraussetzungen von der Leverage abhängen. Die Autoren prüfen diese Voraussetzungen und verwerfen die Gründe, die zugunsten einer hohen Leverage der Banken sprechen könnten.

Weshalb sich die Banken in den 65 Jahren seit der Formulierung der Modigliani-Miller-Theoremen nie ernsthaft mit diesen auseinandergesetzt haben und warum auch die Wissenschaft viel zu wenig unternahm, um den Mythos der teuren Eigenmittel zu hinterfragen, bleibt ein Geheimnis der Geistesgeschichte. Doch lieber spät als nie. Wenigstens kamen Admati, DeMarzo, Hellwig und Pfleiderer gerade noch rechtzeitig, bevor die Arbeitsgruppe des Bundes zur faktischen Staatsgarantie ihre Empfehlungen abliefern muss.

Zitat des Tages I

“Morally, we are all communists; practically, we are capitalists.”

“You have to try everything when you are desparate.” (für Wissenschaftler)

Frei nach Iván Werning (am Doktorandenkurs in Gerzensee). Die Zeitschrift „Economist“ zählt Werning zu den acht jungen aufstrebenden Ökonomen (neben „Clarks Medal“-Gewinnerin Esther Duflo, Jesse Shapiro, Roland Fryer, Amy Finkelstein, Raj Chetty, Xavier Gabaix, Marc Melitz). Der MIT-Professor ist ein Makro-Theoretiker und beschäftigt sich mit der optimalen Ausgestaltung von Steuersystemen (in dynamischen Modellen: „New Dynamic Public Finance“).

In seinem neusten Artikel schlägt der Argentinier Werning altersabhängige Einkommenssteuern vor (Steuer nimmt mit dem Alter zu). Umverteilung über Steuern ist eine Art Versicherung – hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ oder bei Unsicherheit über die Zukunft. Junge Erwerbstätige wissen nicht – oder nur mit grosser Unsicherheit -, wie hoch ihr Lebenseinkommen sein wird. Entscheidungen zu Beginn des Erwerbslebens haben weitreichende Folgen für das zukünftige Wohlergehen (wo und wieviel arbeite ich? Wie begabt bin ich? Wie schnell werde ich befördert? Wie viel verdiene ich?). Mit steigendem Alter nimmt die Bedeutung von Ereignissen am Arbeitsplatz ab und das Lebenseinkommen kann präziser geschätzt werden (Unsicherheit über die Zukunft nimmt ab). Entscheidend für Werning’s Resultat ist, dass das Einkommen ein “random walk” ist (siehe Grafik): Persistente Produktivitätsschocks (z.B. Beförderung aufgrund guter Leistungen) zu Beginn des Erwerbslebens haben einen viel grösseren Einfluss auf die Höhe des Lebenseinkommens als spätere. Die Steuer ist eine “Versicherung” in dem Sinne, dass sie den Effekt solcher Schocks auf die Nettoeinkommen verringert. Die Steuer nimmt mit dem Alter zu und der Steueranstieg ist proportional zur Kovarianz zwischen dem Konsumwachstum und der Produktivität (positiv aufgrund von Arbeitsanreizen). Für altersabhängige Steuern spricht auch die Tatsache, dass die Streuung der Einkommensverteilung mit dem Alter zunimmt.

Werning ist bekannt für kontraintuitive Resultate. In „Liquidity and Insurance for the Unemployed” schlussfolgert der Sohn eines Mathematikers (zusammen mit Robert Shimer), dass die Arbeitslosenunterstützung nicht nach einer gewissen Zeit enden sollte.

Eine Steuer auf Ausbildung

Eine Universitätsausbildung ist teuer und die Finanzierung umstritten. Grossbritannien’s liberaldemokratischer Wirtschaftsminister Vince Cable schlägt eine Akademikersteuer anstelle von Studiengebühren vor. Diese Steuer würde von Universitätsabgängern ab ihrem Eintritt ins Erwerbsleben bezahlt. Spontan fällt mir da nur ein, dass es eine solche eigentlich schon gibt – die normale Einkommenssteuer. Eine Akademikersteuer verringert den Anreiz zu einer Hochschulbildung. Um die Steuer zu umgehen, könnten Absolventen auswandern („brain drain“). Das nationale Bildungsniveau wäre tiefer. Was halten Sie davon?

Zum Stand der ökonomischen Forschung und Lehre

Die Finanzkrise hat die Defizite der heutigen Forschung in Volkswirtschaftslehre und „Finance“ offengelegt. Nur wenige Ökonomen haben vor dem jetzt eingetretenen Szenario gewarnt (z.B. Raghuram Rajan oder der umstrittene Nouriel Roubini; aber auch andere unbekanntere wie Harry Makropolos, welcher im Jahr 2005 (!) der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC geschrieben hat, dass Madoff ein Ponzi-Schema aufbaut). Dieses „Unwissen“ widerspiegelt sich im ökonomischen Curriculum, wie es an den meisten Universitäten gelehrt wird. Ein Student, der z.B. Gregory Mankiw’s Bestseller-Lehrbuch liest, versteht die Mechanismen der jetzigen Situation nicht. Natürlich braucht es Zeit,  bis neuere Forschung geschrieben ist und sich in der Lehre wiederfindet, aber doch illustriert es, dass mehrere „Fault Lines“ (neues Buch von Rajan über die Finanzkrise) in der heutigen ökonomischen Forschung und Lehre existieren.

 Standardisierung der ökonomischen Lehre (und Forschung?) ist ein erstes (kleineres) Problemfeld. Es wäre interessant, zu wissen, wie hoch der Marktanteil von Mankiw’s Buch ist (sehr hoch). Die meisten Programme sind heute austauschbar geworden. Ob ich z.B. in Lausanne oder in Boston studiere, es werden die gleichen Textbücher und Curricula verwendet. Das Internet fördert dies zusätzlich mittels „Plagiarismus“ – ein Dozent nimmt z.B. Übungen von einem anderen Kurs. In Bezug auf das Lernen von „technischen“ Fähigkeiten ist das eine positive Entwicklung (race-to-the-top – es werden dafür die besten Textbücher und Übungen verwendet)  und auch aus Sicht von positiven Skaleneffekten erwünscht (das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden – allgemein akzeptierte Theorie muss nicht neu geschrieben werden). Ich würde auch nie soweit gehen und behaupten, dass damit ein „homo oeconomicus“ gezüchtet wird, aber die Gefahr besteht, dass Originalität und die innovative Schaffenskraft darunter leidet. Lesen Sie bitte hier weiter

Ökonomie beginnt im Kopf

Gier, Risikoscheu, Fairness — das sind keine geheimnisvollen Ecken des menschlichen Fühlens mehr. Die Neuroökonomie bringt endlich Licht in unsere Gehirnwindungen. Wer (wie ich) diese Forschungsrichtung bis jetzt verpasst hat, hat am kommenden Freitag, 4. Juni, Gelegenheit das Versäumte nachzuholen. Prof. Ernst Fehr und sein Team eröffnen ihr Laboratory for Social and Neural Systems Research am Institut für empirische Wirtschaftsforschung in Zürich. Tag der offenen Tür im Gehirn — nicht verpassen. Prospekt und Anmeldung hier.

Soziologie qua Schachtelsatz

Voller guten Willens zur wissenschaftlichen Horizonterweiterung habe ich heute in einem soziologischen Werk über Ökonomie geblättert. Darin

„…wird die These vertreten, dass die Entwicklungsdynamik der modernen Ökonomie – und dies schliesst die […] evolutionären Prozesse auf den heutigen internationalen Finanzmärkten ein – sich weder durch einen Bezug auf Handlungsrationalität noch auf dem Wege einer allgemeinen Theorie materieller Reproduktion entschlüsseln lässt, sondern nur qua Analyse des Zusammenhangs ihrer rekursiv aufeinander verweisenden monetären Formen (etwa Preis, Geldfunktionen, Kapital, Profit, Zins etc.). Denn es sind diese Formen – so die zweifellos auf den ersten Blick befremdlich anmutende Überlegung –, die in der Sphäre des Ökonomischen Subjekt und Objekt vermitteln und beide Pole – das rational handelnde Individuum und die Wirtschaft als opakes Ding-an-sich – erst wechselseitig konstituieren, bzw. einer systemtheoretischen Lesart nach, die von Luhmann abstrakt konzipierte Konditionierung der Systemelemente – also Handlungen bzw. Kommunikationen – durch das System konkret bestimmen.“

So so.